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Von Santiago zum Nordkap: Tag 81 – Lienz  – Kolbnitz ca. 75 km/4433 km

„Ja, sans denn deppert?“

Von Vogelgezwitscher aus vollen Kehlen werden wir geweckt. Ein schönes Konzert ohne Störgeräusche durch Verkehrslärm. Nur das Geräusch von Regentropfen auf dem Zelt mischt sich zu dem Gesang. Wir bleiben einfach liegen und lauschen noch eine Weile. Es dauert nicht lange, da hört der Regen auf und wir können unserer morgendlichen Routine nachgehen. Während des ersten Kaffees lesen wir eine unangenehme Nachricht auf unseren Smartphones, die diesen Morgen für uns etwas beschattet. Dabei ist diese Nachricht gar nicht neu, wir haben sie bloß Anfang April nicht richtig registriert. Ein Freund und Alpenkenner teilt uns mit, dass der Tunnel auf unserer Route bis Mitte Mai gesperrt ist. Es gibt keine Umleitung oder andere Möglichkeiten, da durch zu kommen.

Das wirft uns fürs erste ein wenig aus der Bahn, denn alle schönen Alternativen haben wir inzwischen „verpasst“ und hinter uns gelassen. Umkehren kommt jedenfalls nicht in Frage. Nachdem ich mich zuende über mich selbst geärgert habe und wir unser Frustgespräch beendet haben, entscheiden wir, die Recherche nach einer Alternative auf den Abend in unserer schon gebuchten Unterkunft zu verschieben. Für die nächsten zwei Tage ist nämlich Sturm und Regen angekündigt. Wie immer kommen wir zu dem Schluss: Wer weiß, wozu das gut ist.

Vom Campingplatz aus geht es direkt weiter auf dem schönen Radweg an der Drau entlang. Es ist trocken und die Sonne kämpft sich durch. Die Bergkulisse ist heute etwas weicher in ihren Konturen, aber nicht weniger faszinierend für uns! Auf einmal radelt ein weiterer Radreisender neben uns her und sagt: „Das sieht aber professionell aus.“ Dabei finden wir, dass er mit seinem Gravelbike und Ultralight-Gepäck viel professioneller aussieht. Er erzählt, dass er in München gestartet ist und nach Istanbul radeln möchte. Nach 5 Minuten verabschieden wir uns mit guten Wünschen voneinander.

Später treffen wir einen weiteren Radsportler, der auch von uns wissen möchte, wo es hingeht. Nach unserer Antwort ruft er: „Ja, sans denn deppert!?“ Wir lachen. Leider kann er uns in Bezug auf eine Alternativroute nicht weiterhelfen.

Bei dem Anblick der hohen Berge um uns herum frage ich mich zwischendurch: Wie kommen wir denn hier jetzt wieder raus? Ohne einen riesigen Umweg machen zu müssen, muss man zwangsläufig irgendwo durch dieses Bergmassiv. Die Höhenstraße über den Großglockner ist übrigens keine Alternative, da der Pass zu dieser Jahreszeit noch gesperrt ist.

Am Nachmittag ziehen immer mehr Wolken auf und es sieht aus, als würde es hinter und vor uns regnen. Irgendwann ist es dann nicht mehr zu vermeiden und wir bekommen auf den letzten Kilometern eine tüchtige Dusche inklusive Gegenwind verpasst! Das musste ja irgendwann mal passieren. Als wir unsere Unterkunft platschnass erreichen, dürfen wir unsere Räder sogar in den Gastraum der Bar stellen, da heute geschlossen ist. Der Herbergsvater fragt uns, ob wir nicht lieber ein größeres Zimmer haben wollen, er hätte genug Platz. Der Preis bliebe derselbe. Dieses Angebot können wir natürlich nicht ausschlagen. Er zeigt uns das Zimmer, das eher eine ganze Wohnung mit Küche, Essbereich und Riesenbadezimmer ist. Auf die Frage, ob wir zur Not noch zwei weitere Nächte bleiben könnten, bis der Sturm vorbei ist, sagt er: „Kein Problem!“ Wir sind erleichtert und freuen uns so doll, dass uns Tränen in die Augen schießen. Am Abend – in der Entspannung – finden wir sogar sehr schnell eine neue Route für uns, die uns auch bald wieder auf unsern ursprünglichen Weg führt. Der Katschbergpass wird unser neues Abenteuer sein!

Die Jakobswege sind überall…
Regenwand voraus
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